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Fokus Emotion - Interview mit Mareike Roth und Oliver Saiz


Mareike Roth und Oliver Saiz haben sich mit ihrem Designbüro hochE auf die Gestaltung von Emotion spezialisiert. Richtunsgweisend hierfür war ihre Masterarbeit im Studiengang Product Planning and Design an der HfG, an der beide heute auch als Lehrbeauftragte beschäftigt sind. Im Interview sprechen sie über Überraschungen beim Berufseinstieg, Hartnäckigkeit und Mut zur eigenen Idee.

“Die Abschlussarbeit nicht in der Schublade verstauben lassen” – Wie geht das? Welche Tipps habt Ihr für die Absolventen?

MR: In erster Linie nicht locker lassen. Nach dem Masterabschluss haben wir von den Professoren der Hochschule das Feedback erhalten, unbedingt mehr aus dem Masterprojekt zu machen. Aber das war sehr schwierig. Wir sind beide erst einmal getrennt voneinander in die Berufswelt gestartet und haben angefangen, bei Agenturen als Angestellte zu arbeiten. Währenddessen hat uns das Thema aber nie wirklich losgelassen. Wir haben dann ein Jahr intensiv nach Verlagen gesucht. Egal ob man Buch oder Produkt an den Mann bringen will, man muss penetrant sein, sich persönlich vorstellen und immer wieder in Erinnerung rufen Und dabei gilt ganz klar anrufen und keine Emails schreiben – die gehen nämlich unter.

OS: Ganz genau, das Wichtigste ist, verbissen zu sein. Man stellt es sich immer leichter vor. Wir dachten auch: komm wir suchen uns einen Verlag, die nehmen uns bestimmt mit Kusshand. Und dann kommt die große Ernüchterung, wenn man merkt, dass man sich gegen vielfältige Anfragen und ausgezeichnete Buchprojekte bei den Verlagen durchsetzen muss. Da hilft dann wie gesagt die Verbissenheit, mit der man besticht.

Welche Überraschungen hat die Berufswelt für Euch nach dem Studium bereit gehalten?

MR: Wir haben sowohl als Angestellte als auch jetzt als Selbstständige unsere Erfahrungen gemacht. In beiden Positionen merkst du schnell, dass du organisiert sein musst. Während des Studiums werden dir einige Sachen vorgegeben und du wirst auch mal mitgezogen. Als Angestellte stehst du aber stets vor der Herausforderung, in einem Team zu bestehen, deine Stärke zu zeigen und dennoch mit den anderen an einem Strang zu ziehen. In der Selbstständigkeit – wir sind ja mittlerweile Geschäftsführer eines Designbüros – geht es noch einmal viel stärker darum, dich richtig präsentieren zu können und deine Leistung geschickt zu verkaufen. Ich denke, damit sollte man sich im Studium auch noch intensiver beschäftigen.

OS: Man muss sich vor Augen führen, dass man als Gestalter immer einer von ganz vielen ist. Es ist enorm wichtig, sich zu profilieren. Ähnlich wie bei unserem Buchprojekt gilt auch hier – bei der Präsentation des eigenen Könnens – hartnäckig zu sein.

Wie schärfe ich als Gestalter mein Profil?

OS: Wenn ich auf den Markt gehe, sind die Antworten auf die Frage entscheidend, wo will ich eigentlich hin, was möchte ich und was nicht. Hat man sich ein Unternehmen oder Büro ausgesucht, dann sollte man sich vor der Bewerbung intensiv damit befassen und daraufhin sein Profil ausrichten. Wenn das Portfolio überhaupt gesichtet wird – es ist ja leider so, dass häufig gar kein Blick in das Portfolio geworfen wird – muss deutlich werden, dass man sich mit den Unternehmen oder Büro identifiziert.

MR: Auch das Bewerbungsanschreiben sollte man unbedingt nutzen, um herauszustellen, dass und wie man sich mit den Unternehmen oder Büro identifiziert. Das Portfolio sollte man nutzen, um seine Professionalität zu zeigen. Und das gelingt nicht mit einem chaotischen hundertseitigen Portfolio, sondern wichtig ist, klug zu reduzieren und zu selektieren. Eine gut organisierte und durchdachte Bewerbung lässt natürlich positive Rückschlüsse auf die eigene Arbeitsweise zu.

Der Fokus liegt bei hochE auf Emotion – warum?

OS: Der erste Gedanke, sich auf Emotionen festzulegen, kam uns während des Masterstudiums. Hier haben wir uns damit beschäftigt, wie das Thema in der Praxis behandelt wird. Wir haben Fragebogen an die namhaftesten Agenturen und Akteure der Branche geschickt, um die Relevanz der Emotion zu erfragen. Ergebnis der Umfrage war, dass alle Emotionen für den Gestaltungsprozess wichtig finden, aber kein methodisches Vorgehen vorliegt, sondern auf Bauchgefühl und Erfahrungswerte bei der Gestaltung von Emotion vertraut wird. Im Beruf habe ich dann schnell die Erfahrung gemacht, dass das Thema, Emotion methodisch zu gestalten, bei den alteingesessenen Gestaltungsbüros gar nicht auftaucht. Hier herrscht das Prinzip „form follows function“ vor. Das fanden Mareike und ich erschreckend. Uns war klar, das Thema hat Potential und der Markt dürstet danach, verlässlichere Resultate darüber zu bekommen, wie man Emotionen klarer kommunizieren kann. Und so haben wir uns entschlossen, zu kündigen und das Projekt in Angriff zu nehmen.

In Eurem Büro habt Ihr auch ein Labor. Wie passt Laborarbeit und Gestaltung zusammen?

MR: Die Erforschung von Emotion wird nie ein Ende haben. Und wir sind ständig in unserem Labor dabei, neue Erkenntnisse aus der Forschung zu verarbeiten und unsere eigenen Methoden weiterzuentwickeln.

OS: Wir haben festgestellt, dass die jüngere Generation wenig Scheu davor hat, Forschung, Methode und Gestaltung zusammen zu denken, während die ältere Generation kritischer auftritt.

MR: Allerdings liegt das auch oft am Begriff der Emotion. Wir müssen zunächst immer Aufklärungsarbeit leisten und erklären, dass wir mit der Gestaltung von Emotion mehr meinen als rosa Plüschherzen, Gefühle und Stimmungen und wir Emotion im wissenschaftlichen Feld untersuchen. Bei potentiellen Auftraggebern sind wir bisher mit dem Begriff Designforschung eher auf offene Ohren gestoßen.

OS: Das liegt denke ich vor allem daran, dass Unternehmen ein großes Interesse daran haben, Prozesse des Designs fundierter und verlässlicher zu machen. Mit den Erkenntnissen, dass es verlässliche Emotionsauslöser fernab von Geschmäckern gibt und dass es wissenschaftliche fundierte Korrelate aus der Psychologie, der Biologie und der Verhaltensforschung gibt, mit denen man arbeiten kann, leitet den Gestaltungsprozess auf einen sichereren Weg.

In welche Richtung entwickelt sich die Designbranche?

MR: Gestaltung wird strategischer. Das Berufsfeld wird sich weiter ausweiten. Als Produktgestalter kannst du nicht mehr nur Produkte gestalten, sondern musst auch in gestaltungsaffinen Bereichen tätig werden und zum Beispiel einen Service, Strategien, Interaktionen oder Prozesse gestalten.

OS: Es geht sehr stark weg vom antiquierten Bild der reinen Ästhetik. Vielmehr wird es um die Gestaltung für den Menschen gehen. Welche Bedürfnisse gibt es und wie kann ich diese mit einem Service oder einem Produkt erfüllen. Den Menschen in all seinen Facetten, Ansprüchen und Bedürfnissen zu begreifen und daraufhin zu gestalten, dahin wird der Weg gehen.

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