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Sichtbar werden durch sichtbar machen - Interview mit Benedikt Groß


Benedikt Groß ist mit seinen Projekten im Bereich der Datenvisualisierung und des Scenario Design international erfolgreich. Die akademischen Wurzeln des Interaktionsgestalters liegen in Schwäbisch Gmünd. 2007 macht er hier sein Diplom im Studiengang Information und Medien. Mit einem Masterstudium in London und verschiedenen Projekten in den USA gelingt ihm der Schritt auf den internationalen Markt. Im Interview spricht er über inspirierende Diversität und den Mut zur Sichtbarkeit.

Nach dem Diplomabschluss an der HfG hast du als akademischer Mitarbeiter an der Hochschule gearbeitet und beim Aufbau des Studiengangs Interaktionsgestaltung mitgeholfen. Wie ging es weiter?

BG: Ich hatte nach den zwei Jahren das Gefühl, die Hochschulblase verlassen zu müssen. Weitere zwei Jahre habe ich dann in der Industrie bei Intuity Media Lab in den Bereichen digitale Services, User-Experience Design, Projektmanagement und Consulting gearbeitet. Dort habe ich gemerkt, dass ich das im Prinzip spannend finde, aber auch nochmal experimenteller und freier arbeiten möchte. Mit dem Entschluss, einen Master im Ausland zu absolvieren, habe ich mich beim Royal College of Art in London beworben. Im Masterstudium konnte ich besonders von der internationalen Vernetzung profitieren. Interessant war, dass es dort weniger Top-down abläuft, wie üblicherweise an deutschen Hochschulen, an denen der Professor das Wissen an die Studenten weitergibt. Vielmehr entsteht der Wissensgewinn im Master durch die Zusammenstellung eines studentischen Teams aus Personen mit unterschiedlichem Alter, unterschiedlicher Nationalität und mit unterschiedlichen Skills. Durch die Zusammenarbeit erhältst du einen ganz neuen Blick auf Design. Wenn du zwei Jahre lang neben einem verrückten Japaner sitzt, der ganz andere Ideen und Ansichten hat wie du, dann prägt dich das. Durch die Erfahrung dieser Diversität eröffnen sich ganz einfach neue Perspektiven.

Braucht man so eine internationale Ausbildungserfahrung, um auch international Karriere machen zu können?

BG: Wenn man eine Zeit lang an einem Knotenpunkt wie London gelebt hat, dann fällt der Schritt zur internationalen Karriere bestimmt leichter. Auch aus ganz banalen Gründen wie der Sprachkompetenz, die man durch den Auslandsaufenthalt erwirbt. Aber auch die Kontakte, die man im Ausland knüpft, helfen natürlich weiter – wobei die Vernetzung des international renommierten Royal College of Art in London mit Links zum MIT, zu Google oder Microsoft besonders viel Wert ist.

Welche Vor- und Nachteile bringt eine deutsche Ausbildung auf dem internationalen Markt?

BG: Das Level der Grundlagenausbildung in Deutschland ist sehr hoch und wird international geschätzt. Für mich war meine deutsche Grundlagenausbildung im Masterstudium ein großer Vorteil. Als deutscher Hochschulstudent oder –absolvent im Ausland muss man dann nur beweisen, dass man nicht nur implementieren kann, sondern auch gute Ideen hat. Also analytisches Vorgehen und Designhandwerk nicht alles sind, was man kann. Was die Arbeit auf dem internationalen – speziell dem amerikanischen Markt angeht, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es dir dort oft etwas leichter gemacht wird. Die Leute sind prinzipiell offener und risikofreudiger. Wenn du in Amerika ein Business hattest, mit dem du gescheitert bist, dann wäre das dort eher positiv konnotiert – schließlich hast du Unternehmergeist gezeigt, während es in Deutschland wohl eher ein Makel in der Vita wäre.

Wie kam es zu deiner Spezialisierung in Richtung Datenvisualisierung?

BG: Es steht für mich noch gar nicht fest, ob ich mich auf Datenvisualisierung spezialisiere. Generative Gestaltung, Daten an sich und Speculative Design, also Szenario basiertes Arbeiten, bilden das Dreieck, in dem ich mich bewegen möchte. Das funktioniert auch gut, schließlich besteht generell das Problem, dass es Unmengen von Daten gibt und man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Ich habe mich weg von der formalen hin zur inhaltlichen Interaktionsgestaltung entwickelt. Generative Gestaltung ist für mich heute ein Vehikel, um Inhalte zu transportieren.

Wie kann man deiner Meinung nach als Student der Interaktionsgestaltung sein Profil schärfen?

BG: Für eine frühzeitige Profilierung und zum Aufbau der eigenen Reputation ist die Dokumentation der eigenen Projekte ungemein wichtig. Leider beobachte ich, dass auch hier an der HfG nicht ausreichend dokumentiert wird. In der Regel landen die Projekte der Studierenden im Archiv. Das ist schon mal gut. Aber sinnvoller wäre es, die Projekte auch auf einer eigenen Homepage sichtbar zu machen und in einem nächsten Schritt einer interessierten Zielgruppe zu präsentieren. Zum Beispiel durch einen Blogpost bei creativeapplications.net oder man versucht, mit seinem Projekt in die PAGE zu kommen. Wichtig ist, seine Arbeit der Welt zu zeigen und sie zur Diskussion zu stellen. Mit Feedback konfrontiert zu werden – sei es positiv, sei es negativ – ist eine entscheidende Erfahrung. Auch Open Source Projekte sind eine gute Möglichkeit, um sich einen Namen zu machen. Zum Beispiel eine Schrift zu erfinden und die dann samt Blueprint zum Download anzubieten und zur Diskussion zu stellen. Meine Erfahrung mit Open Source Projekten zeigt, dass man, obwohl es am Anfang hart ist, den Code freizugeben, letztendlich in der Summe mehr dafür zurückbekommt. Der Deal ist doch: man bekommt von der Open Source Szene etwas und dann gibt man durch einen eigenen Beitrag auch mal etwas zurück. Mit all dem verdient man zwar nichts, aber man bekommt „Reputations-Währung“. „Reputation“ ist dann schließlich auch die Währung, die Türen öffnet. Die Einordnung meines Tagessatzes oder überhaupt meiner Akzeptanz erfolgt anhand meiner Vita. Und wenn die Vita Konferenzen, Veröffentlichungen, etc. enthält, dann ist sie wertvoller.

Ein Blick in die Zukunft – wohin entwickelt sich die Designbranche?

BG: Während früher Designer Geld verdient haben, indem sie für Kunden Logos oder Webseiten gestaltet haben, gibt es heute viele Tools, die es dem Kunden ermöglichen, diese Arbeiten selbst zu erledigen. Die klassischen, eher formalen Designdienstleistungen werden weniger und daher muss sich Design verstärkt als Schnittstellendisziplin begreifen: Design mit etwas – Design mit Datenvisualisierung, Design mit Szenario-Entwicklung. Die Zukunft ist das Plus. Design plus einem verwandten Feld und nicht Design als Disziplin, deren Expertise im formalen Bereich liegt. Das bedeutet dann wiederrum für den Designer, dass er sehr anpassungsfähig sein muss. Man muss gut darin sein, Dinge zu vernetzen.

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