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Vom Produkt zum Prozess - Interview mit Joachim Kobuss


Joachim Kobuss, selbstständiger Gründungs- und Unternehmensberater für Designer, ist in jedem Jahr als Referent bei der Design Business Week an der HfG vertreten und vermittelt den Studierenden grundlegendes Wissen zur selbstständigen Tätigkeit als Gestalter. Im Interview spricht er über Trends der Designbranche und Herausforderungen des Berufsfeldes.

Worum geht es bei der Design Business Week?

JK: Es geht um den Praxisbezug. Die Studierenden bekommen einen konkreten Einblick in den Beruf des Gestalters. Sie werden mit der Frage konfrontiert, was kann ich mit der Gestaltungskompetenz, die ich mir im Rahmen des Studiums aneigne, tatsächlich in der Praxis anfangen und wie sichere ich mir meinen Lebensunterhalt. Man muss die Möglichkeiten und die Marktsituation kennen, um als Gestalter arbeiten zu können.

Wie sieht die derzeitige Marktsituation aus?

JK: Der Anteil der selbstständig Tätigen nimmt in diesem Wirtschaftszweig deutlich zu. Während die Zahlen aus den Vorjahren noch ein ausgeglichenes Verhältnis von 50 % abhängig Beschäftigten und 50 % selbstständig Tätigen gezeigt haben, zeigen die letzten Zahlen in einzelnen Teildisziplinen ein Verhältnis von ein Viertel zu drei Viertel. Dabei übersteigt der Anteil der sogenannten Mikroselbstständigen, also denjenigen, die sich in einem finanziellen Rahmen bewegen, mit dem sie nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten können, derzeit den Anteil an Designern, die von ihrer Arbeit leben können. Das ist eine problematische und abschreckend erscheinende Perspektive für Nachwuchsgestalter.
Aber es gibt vielfältige Möglichkeiten der Entwicklung, wenn man die Branche und ihren Wettbewerb kennt. Daher habe ich in meinem Seminar die Veränderung des Wettbewerbs zum Thema gemacht. Mir ging es konkret darum, den Studierenden zu zeigen, wie man mit dem Wissen um den Wettbewerb zu einem realistisch eingeschätzten Selbstwert kommen kann. Leider ist es in der Praxis überwiegend so, dass Designer ihre Fähigkeiten unterschätzen. Es ist ein Phänomen der heutigen Zeit, dass mehr darauf geachtet wird, was jemand nicht kann, als darauf, was er besonders gut kann.
Im Rahmen der Design Business Week lernen die Studierenden Bewertungsmaßstäbe kennen, mit denen die Arbeit eines Designers gemessen wird und erlangen dadurch die Kompetenz, sich selbst einzuschätzen. Hinzu kommen entscheidende Themen wie Designrecht und Kalkulation. Auch wenn die Themen nicht in ihrer Komplexität erfasst werden können, so gehören die grundlegenden Kenntnisse zum Basiswissen, das man für den Beruf des Gestalters braucht. Die Studierenden werden mit diesen Themen konfrontiert, so dass sie eine erste Vorstellung von dem System haben, das zur Designbranche und speziell zur selbstständigen Tätigkeit gehört.

Was sind grundlegende Fragen, die man sich als angehender Designer stellen sollte?

JK: Zentral sind die Fragen: Was fasziniert mich an dem Beruf des Designers und was will ich mit meiner Arbeit bewirken. Man sollte sich konkret damit auseinandersetzen, welchen Beitrag man für Gesellschaft und Kultur leisten möchte. Dem nachzugehen fällt dem Selbstständigen leichter als jemandem, der in einer abhängigen Tätigkeit ist. Das bedeutet aber auch, dass der Selbstständige sich mit diesen Fragen viel eher und intensiver beschäftigen muss. Das ist eine Herausforderung der Selbstständigkeit.
Hinzu kommt, dass der Selbstständige eher mit den Risiken des Designberufs konfrontiert wird. Die Schwächen der Branche werden bewusst und erzeugen logischerweise Angst. Hierbei ist es dann ganz entscheidend, sich darüber im Klaren zu sein, welche Fähigkeiten man besitzt, mit denen man die Hindernisse des Berufs meistern kann. Es ist wichtig, die Ängste nicht zu ignorieren und in der Lage zu sein, mit diesen umzugehen.
Es ist wie mit einem Kleinkind, das noch krabbelt und den inneren Drang hat, zu laufen. Es versucht immer wieder zu laufen und fällt dabei ständig hin, bis es das Kind irgendwann schafft, ein paar Schritte zu gehen. Das ist ein nicht zu unterschätzender hoch emotionaler Moment im Leben eines Menschen, der für das gesamte Leben prägend ist. Die Erfahrung, es trotz stetigem Scheitern immer wieder versucht zu haben und letztlich erfolgreich gewesen zu sein. Das ist eine Erfahrung, die jeder Designer machen sollte: Ängste haben, sie annehmen, mit ihnen umgehen und schließlich erfolgreich sein.

Kann man die Kompetenzen, die man für eine erfolgreiche selbstständige Tätigkeit benötigt, erlernen?

JK: Eindeutig ja. Studien zeigen, dass motivierte Gründungen schneller und nachhaltiger erfolgreich sind als Gründungen von Designern, die zur Selbstständigkeit gezwungen werden, also sogenannte Notgründungen. Ich stehe diesen Ergebnissen aber skeptisch gegenüber. Ich bin selbst nicht freiwillig in die Selbstständigkeit gegangen, sondern wollte mein ganzes Leben lang in einem Unternehmen abhängig erwerbstätig sein. Dann hat es sich aber völlig anders ergeben und ich habe mich das erste Mal mit der Selbstständigkeit als Alternative intensiv auseinandergesetzt. Über mehrere Jahre hinweg habe ich mich dann mit der selbstständigen Tätigkeit angefreundet und irgendwann war es einfach klar, das ist es. Heute kann ich mir nichts anderes vorstellen und der Weg zurück in die Abhängigkeit schließe ich für mich aus.
Die Freiheiten, die ich mir in meiner nun 17-jährigen Selbstständigkeit erarbeitet habe, kann mir nirgendwo anders geboten werden. Auf diese Freiheit möchte ich auf keinen Fall mehr verzichten. Natürlich sehnt man sich manchmal nach einem geregelten Einkommen und wünscht sich darauf verzichten zu können, als Selbstständiger jeden Monat seinen Abrechnungen hinterher laufen zu müssen. Aber auf diesen Gedanken folgt dann schnell die Einsicht, dass man diese "unkomfortable" Situation in Kauf nimmt, um Freiheiten nicht aufgeben zu müssen.

Welche Rolle spielt Design im 21. Jahrhundert?

JK: Im 21. Jahrhundert wird die Gestaltung von Prozessen, gegenüber der von Produkten, deutlich in den Vordergrund treten. Ich halte das sogenannte "Social Design" für eine zentrale neue Strömung. Prägend für das 21. Jahrhundert ist die Situation, dass es unzählige nicht professionelle Gestalter gibt. Ihnen werden Werkzeuge und Programme zur Verfügung gestellt, mit denen sie designen können. Hauptaufgabe des professionellen Gestalters ist es dann, dem Laien echte gestalterische Kompetenzen zu vermitteln. Es geht darum, ihn in der eigenen gestalterischen Tätigkeit zu unterstützen, damit er sich weiterentwickeln kann. Das ist eine Dienstleistung, die abgrenzbar ist, zu einem Gestaltungsvorgang,
an dessen Ende ein konkretes Artefakt steht.
Wenn wir genug Artefakte haben, weil wir einen Produktüberschuss haben, macht es wenig Sinn, mehr Produkte zu gestalten. Damit werden wir unsere Umweltprobleme nicht lösen können. Viel entscheidender sind Fragen wie: was kann man als Produktdesigner tun, um Produkte zu verhindern, so dass keine Ressourcen verbraucht werden, keine Energie verschwendet wird und dass das Klima nicht durch Emission verändert wird? Durch die Gestaltung von Prozessen, können sich Designer neue interessante Möglichkeiten am Markt eröffnen. Wenn der Markt ein Kuchen ist und alle Stücke schon verteilt sind, bleiben am Ende allenfalls ein paar Krümel über. Dann macht es Sinn, neue Kuchen zu backen. Man schafft sich neue Märkte durch neue Angebote. Neue Märkte bringen neue Berufsfelder hervor. Das Berufsbild des Designers wird sich vom klassischen Berufsbild weiter entfernen - weg vom Produkt hin zum Prozess.

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