Wer hat im Design die Fragen?
Gestaltung kann Leben schützen, Verhalten verändern und neue Perspektiven eröffnen. Was das konkret bedeutet, zeigte die diesjährige Semesterausstellung zum Abschluss des Wintersemesters 2024/2025 am 13. und 14. Februar. Studierende und Absolvent*innen präsentierten dort ihre Abschlussprojekte – Arbeiten, die sich nicht mit formalen Lösungen begnügen, sondern gesellschaftliche Herausforderungen in den Mittelpunkt rücken und Design als wirksames Instrument für Gegenwart und Zukunft begreifen.
Braucht Medizin Design?
Design kann mehr als Form geben – es kann Distanz überwinden und Heilung ermöglichen. Das zeigt sich besonders eindrucksvoll dort, wo das Leben am zartesten beginnt: auf neonatologischen Intensivstationen. Dort werden Frühgeborene rund um die Uhr überwacht, bisher meist durch Kabel, Sensoren und Pflaster, die an winzigen Körpern haften. Heike Schwabes MA-Projekt „NIMA“ aus der Strategischen Gestaltung stellt diesem technischen Eingriff nun eine sanfte Alternative gegenüber: ein kontaktloses Monitoring-System auf Basis von Radar- und Kameratechnologie. Das Ergebnis: weniger Stress für die Kleinsten, mehr Raum für elterliche Nähe, mehr Sicherheit und Zeit für das Pflegepersonal und eine effektive Unterstützung des Heilungsprozesses.
Hilft Design bei Naturkatastrophen?
Design als fürsorgliche Übersetzerin begegnet uns auch dort, wo Naturgewalten an Kraft gewinnen: bei Starkregen und Hochwasser. Mit der digitalen Anwendung „Obacht“ der Interaktionsgestaltungs-Absolvent*innen Emily Kühl, Olivia Regattieri und Felix Schönherr können Menschen ihr individuelles Risiko am Wohnort verstehen und Vorsorge treffen, bevor das Wasser kommt. Hierzu bildet die Anwendung nach Eingabe der eigenen Adresse und der Beantwortung gezielter Fragen ein dreidimensionales Abbild des Hauses und ermittelt dank einer dahinter liegenden Datenbank einen persönlichen Notfallplan. Design wird hier zur Brücke zwischen Daten, Wissen und Handlungsfähigkeit, die Naturkatastrophen nicht verhindern, aber Schäden dank prophylaktischen Handlungsempfehlungen eindämmen kann.
Fängt Design dich auf?
Das Bedürfnis nach Prophylaxe trieb auch Adrian Scheuenstuhl und Lasse Marten aus der Produktgestaltung an. Ihr intelligenter Gehstock „guide.“ wird zum aufmerksamen Begleiter: Er analysiert kontinuierlich das Gangverhalten, erkennt Veränderungen und warnt bei erhöhtem Sturzrisiko durch eine sanfte Vibration. Zu Hause werden die über den Tag gesammelten Daten mit dem alltäglichen Laufverhalten abgeglichen: Treten hier größere Unterschiede auf, warnt der Stock und rät notfalls auch zu einem Arztversuch. Dabei sieht „guide.“ stylish aus und verhindert dabei von Anfang an Stigmatisierung. Design kann nicht nur vor dem Fall schützen, sondern gleichzeitig auffallen – und Mobilität ermöglichen, die selbstbestimmt bleibt.
Muss Design nach den Sternen greifen?
Dass Design auch die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags hinterfragen kann und soll, zeigt ein Projekt aus der Produktgestaltung: Noemi Kirch und Jana Schüle entwickelten mit „clic“ ein Sitzmöbel, das durch seine niedrige Sitzhöhe jeden Nutzer in Aktivität versetzt – beispielsweise beim Hinsetzen oder Aufstehen. Bewegung wird nicht zur Pflicht, sondern zum natürlichen Teil des Wohnens. Und gut aussehen tut „clic“ auch: Die einzelnen gepolsterten Elemente lassen sich mithilfe magnetischer Verbindungen frei anordnen, kombinieren oder erweitern. Eine bewegliche Rückenlehne unterstützt verschiedene Sitz- und Liegepositionen – jeder Wechsel aktiviert andere, oft nur wenig benutzte Muskeln. Manchmal liegen die Sterne eben auf dem Boden. Man muss sie nur aufheben.
Ist Design mitfühlend?
Von körperlicher Gesundheit führt der Weg zur emotionalen: Ein Bildungsformat aus der Kommunikationsgestaltung macht Empathie zur gestaltbaren Kompetenz. Eva-Maria Lux und Kimberley Röber haben mit „empath“ ein modulares Bildungsformat konzipiert, das es Studierenden im frühen Gestaltungsstudium ermöglicht, Empathie nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern praktisch zu erleben. Workshops, analoge Reflexionsmedien und ein KI-gestützter Tutor bilden gemeinsam ein System, das die persönliche und gestalterische Entwicklung der Studierenden begleitet, unterstützt und so langfristig in den Gestaltungsprozess integriert. Auf diese Weise kann Design nicht nur mitfühlen – das Mitgefühl kann zugleich Startpunkt des Designprozesses werden.
Akzeptiert dich Design?
Diese Haltung des eigenen Erlebens setzt sich fort in Projekten, die Kindern begegnen wollen, wo sie am offensten sind: im Spiel. „Mission Superhirn“, ein interaktives Lernformat für Grundschulklassen, zeigt, dass selbst komplexe Themen wie Introvertiertheit und Extrovertiertheit kindgerecht vermittelt werden können. Sarah Schuster und Siri Anton entwickelten hierzu im Fachbereich Kommunikationsgestaltung eine großflächige Bodenprojektion mit den beiden Charakteren Intri und Extri, zwei Gehirnen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Stärken. In einer Fantasiewelt erleben Kinder ab der zweiten Klasse, dass es von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, welche Situationen uns Energie kosten und welche uns Energie geben – ein Grundstein für Selbstakzeptanz und echtes Verständnis füreinander.
Was weiß Design?
Lernen öffnet sich auch in einem weiteren Projekt dem Leben draußen. Die App „Wilmu“ ist ein interdisziplinäres Projekt der Fachbereiche Interaktionsgestaltung und Internet of Things; mit ihr verwandeln Mona Kübelbeck, Fabian Rafreider und Marsha Tasch das Smartphone in ein aktives statt passives Lernmedium. Dabei suchen Kinder zwischen 8 und 12 Jahren in ihrer Umgebung mit der Kamera nach physikalischen oder biologischen Phänomenen, begleitet von 20 verschiedenen Experten-Charakteren. Diese erklären den kleinen Forschern die dahinterliegenden Gesetze; mit jeder Entdeckung bauen die Kinder an einem lebendigen Wimmelbild, das im Handy wächst und ein motivierendes Belohnungssystem bildet. Lernen wird so zu einer aktiven, sinnstiftenden Begegnung mit der eigenen Nachbarschaft – ein liebevoller Gegenentwurf zum passiven Konsum vorgefertigter Inhalte.
Viele Fragen – spannende Antworten. Eindrucksvoll konnte auch diese Semesterausstellung zeigen, wie Gestaltung an der HfG verstanden wird: als Verbindung von Technologie, Verantwortung und kultureller Relevanz. Denn Design ist dort am stärksten ist, wo es sich einmischt, sei es in medizinische Abläufe, in Alltagsgewohnheiten, in Bildungsprozesse oder in gesellschaftliche Debatten. Ihr habt Lust, das selbst zu erfahren? Dann besucht unsere virtuelle Semesterausstellung im Netz: https://ausstellung.hfg-gmuend…